Der geborene Gastgeber mit Herz

Kerim ist ein junger Cafébesitzer in Neustadt an der Weinstraße. An der Hambacher Straße peppt er jeden Frühstückstisch auf, bringt orientalische Köstlichkeiten auf die Teller und stillt den Kaffeedurst von Pendlern und Anwohnern. Während viele junge Menschen in der Schule noch nicht wissen wo es für sie beruflich hingeht, war es für Kerim klar: in die Gastronomie.

Um sich selbstständig zu machen braucht es vor allem Mut, eine Idee und Vertrauen in sich selbst – das sind nicht unbedingt Fähigkeiten, die man in der Schule erlernt. Dennoch gibt es die Stereotype in der Gesellschaft, dass Menschen ohne Schulabschluss keine berufliche Chance haben. Schnell ist man mit einem mitleidigem, schiefen Lächeln vorverurteilt und landet in einer Schublade.

Kerim steht hinter dem tresen im Café

Vom Schulabbrecher zum Café-Besitzer

Warum sich Menschen also für eine spezifische Ausbildung oder einen Beruf entscheiden, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, wie z.B. Bauchgefühl, der Suche nach einem Abenteuer, Freiheit, dem Können oder Fortführen einer Tradition. Bei Kerim scheint es eine Mischung aus allem zu sein. Schaut man dem 23-jährigen Jungunternehmer bei der Arbeit über die Schulter, erkennt man schnell, dass jeder Handgriff sitzt – da könnte man fast vergessen, wie jung er erst ist. Die Sicherheit auf gastronomischem Terrain kommt nicht von ganz ungefähr, denn er kommt aus einer Familie, in der Gastronomie schon immer ein berufliches Leben ausgefüllt hat. So half er von Klein auf im familiären Döner-Imbiss aus und arbeitetet ebenfalls im Café seines Schwagers in der Neustadter Innenstadt. Von Kindesbeinen lernte er also die Gastronomie kennen. Diese Erfahrungen halfen ihm später seinen heutigen beruflichen Weg zu finden, denn der Schulunterricht war nicht seine größte Leidenschaft. Hätte man sich stereotypem Schubladendenken bedient, wäre man wohl zu der Erkenntnis gekommen, dass ein Schulabbruch das Ende eines noch kaum begonnen Lebenslaufes ist – denkste!
Kerim, der sich selbst schmunzelnd als „Pfälzer Türk“ bezeichnet, entschied sich für einen beruflichen Weg in der Gastronomie, obwohl ihm seine Eltern davon abraten, wissend um die vielen unbezahlten Arbeitsstunden. Er verfolgte sein Ziel jedoch weiter bis sich per Zufall die passende Gelegenheit bot: Das Café am heutigen Standort wurde frei! Nach einer kurzen Nacht und mit gutem Bauchgefühl entschied er sich für das Café und setzte sein Vorhaben in die Realität um.

Das Café Bäckerei Schloss 61

Mit viel Elan und einem Kredit von der Bank machte er sich ans Werk. Anfang 2017 folgte die Eröffnung seines eigenen Cafés. Seine Eltern standen ihm jederzeit mit Rat und Tat zur Seite – bis heute. Neben seinem familiären Zulieferer für orientalische Spezialitäten ist es auch seine Mama die täglich Salate, Kuchen und Gebäck vorbereitet. Für viele Anwohner der Hambacher Straße, oberhalb des Hauptbahnhofs Neustadt an der Weinstraße, ist Kerim mit seinem Café der Dreh- und Angelpunkt des Alltags – egal ob regelmäßige Treffen unter Senioren, der kleine Snack für zwischendurch, Sonntagsbrötchen oder einfach nur ein liebenswerter Plausch. Er ist entspannt, freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit – ein echter Gentleman halt. Nach nun drei Jahren als Cafébesitzer liebt Kerim seinen Job immer noch und bereut seine damalige Entscheidung nicht, auch wenn ein selbständiges Unternehmen viel Arbeit mit sich bringt. Ausschlafen ist für ihn ein Fremdwort, denn er wirbelt schon mindestens ab 6 Uhr am Morgen durch sein Café. Er schätzt seine Gäste und ihre Treue, von vielen kennt er den Namen und liebt die Abwechslung in seinem Alltag. Natürlich sind viele Arbeitsgänge routiniert, allerdings bleibt der Faktor Mensch eine unberechenbare Konstante, sodass der Alltag immer wieder anders und für Überraschungen gut ist. Kurz nach der Eröffnung ist ihm beispielsweise eine ungewollt witzige Begegnung in Erinnerung geblieben: Da waren nämlich ehemalige Lehrer:innen auf einmal seine Kundschaft. Dass aus dem „Pfälzer Türk“, Zitat Kerim, mal ein Selbstständiger werden würde, hätten seine Lehrer von damals wohl nicht gedacht. Da wurde die Schublade mit den Vorurteilen mal so richtig durchgemischt. 🙂

Kerim im Gespräch mit Gast

Trotz der vielen Arbeit im Café bleiben Kerim zwei Sachen im Privaten heilig: Die allabendlichen Treffen mit seinen Freunden und die gemeinsame Zeit mit seiner Frau und Familie. Für die sportliche Leidenschaft Fußball reicht die Freizeit jedoch nicht mehr, aber das ist für ihn kein Grund seine Selbstständigkeit zu bereuen, denn seine berufliche Freiheit schätzt er sehr.